Oberschlesien ist wie Fußball

Ein Text von Dr. Marcin Wiatr

Oberschlesien erscheint als äußerst rätselhaft. Schon wegen der in Polen wie Deutschland immer noch vorherrschenden Meinung von der Region als einer postindustriellen Mondlandschaft. Die vielschichtige ethnisch-kulturelle Dimension wirkt manchmal, ungewollt, in die gleiche Richtung. Auch deshalb ist Oberschlesien wie Fußball selbst: dynamisch, spannend und ergebnisoffen. Aus Anlass des 100. Geburtstages der Fußball-Legende Ernst Wilimowski und mit Blick auf das bevorstehende EM-Gruppenspiel Deutschland gegen Polen am 16. Juni 2016 gilt es, an die transnationale Fußballgeschichte Oberschlesiens zu erinnern.

Wenn man an Oberschlesien denkt, denkt man eher nicht an eine europäische, fußballbegeisterte Region, aus der im 20. Jahrhundert Spieler hervorgingen, die deutsche und polnische Fußballgeschichte prägten. Egal ob in Deutschland oder in Polen, man verbindet mit dieser Industrieregion vor allem eines: Probleme.

Lebensläufe der Oberschlesier sind außergewöhnlich verzwickt, sie stimmen mit der polnischen Identität, Geschichte und Erinnerungskultur nicht immer ganz überein. Und auch wenn Oberschlesiern eine gewisse Affinität gegenüber dem Deutschen nachgesagt wird, gibt es auch hier so manche kulturgeschichtlich bedingte Brüche. Vielmehr trifft das Phänomen eines transnationalen Übergangs zu. Die eindeutig zu verortenden nationalen Identitäten der Oberschlesier bleiben bis heute in höchstem Maße labil. Wenn überhaupt eine Identifikation stabil ist, dann noch am ehesten jene mit der Region. Der oberschlesische Schriftsteller Stanisław Bieniasz brachte diese Eigenart Oberschlesiens folgendermaßen auf den Punkt: „Hier war alles möglich: Der Deutsche konnte Pole werden, der Pole Deutscher, und er musste es sich nicht einmal vormachen oder einreden, denn in vielen Oberschlesiern steckten der Pole und der Deutsche gleichzeitig […]“). Dieser duale Charakter der hier lebenden Menschen kam nicht immer gut an.

So war es im Fall Ernst Wilimowskis. Der 1916 im damals deutschen Kattowitz geborene Fußballer ist eine in Polen verdrängte, in Deutschland weitgehend vergessene Legende. Er war zunächst Spieler des fußballstärksten Vereins der deutschen Minderheit in Polen, des 1. FC Kattowitz, und wenig später unübertroffener Star des als „Club der Schlesischen Aufständischen“ geltenden Ruch Wielkie Hajduki (nachher Ruch Chorzów). Er war auch der geniale Wunderstürmer der polnischen Nationalmannschaft. Bis 1939 schoss er in 22 Einsätzen 21 Tore für Polen – diese Trefferquote ist bis heute von keinem anderen polnischen Nationalspieler überboten worden, selbst von Robert Lewandowski nicht. Wilimowski schrieb polnische Fußballgeschichte, als er bei der WM von 1938 in Frankreich vier Tore gegen Brasilien schoss. Auch wenn Polen damals 6:5 unterlag, beeindruckte der Oberschlesier polnische wie brasilianische Fans und Fußballfunktionäre. Eines seiner besten Spiele mit drei Toren für die Weißen Adler bestritt er zuletzt am 27. August 1939 im Warschauer Armeestadion gegen Ungarn, damals noch Vizeweltmeister, der damit klar 4:2 besiegt wurde. Seit 1941 versenkte er seine zielsicheren Bälle im Netz für die deutsche Nationalmannschaft (in acht Spielen von 1941 bis 1942 konnte er 13 Tore erzielen). Sein Debüt für die Deutschen, mit dem Hakenkreuz auf dem Trikot, gab er am 1. Juni 1941 in Bukarest gegen Rumänien, wobei er zum 4:1-Sieg zwei fantastische Tore beisteuerte.